„Die Frage um DAB+ ist eines der geringeren Probleme.“ – Interview mit Patrick Bernstein

Patrick Bernstein, Geschäftsführer von Radio Hamburg bleibt DAB+-skeptisch. Dennoch schaltete er seine beiden Stadt-Programme Radio Hamburg und HAMBURG ZWEI im DAB+-Netz der Metropole auf. Warum?


Ein Interview von Danilo Höpfner, erschienen in der Mai-Ausgabe der InfoDigital.


Herr Bernstein, Sie gehen mit Ihren beiden Angeboten Radio Hamburg und HAMBURG ZWEI auf DAB+. Warum jetzt?

Wir prüfen regelmäßig, welche Reichweiten sich über die verschiedenen Verbreitungswege erzielen lassen. Wir nehmen an, dass der Verbreitungsweg DAB+ für das Stadtgebiet Hamburg inzwischen eine Reichweite erzielen könnte, die sich für uns wirtschaftlich rechtfertigt. Diese Entscheidung ist noch kein Beweis dafür, dass es sich tatsächlich rechnet. In zwei Jahren können wir mehr dazu sagen und sehen, ob relevante Reichweiten über DAB+ erzielt wurden.

Andere Programmanbieter spielen noch mit dem Gedanken, warten aber noch auf eine generelle DAB+-Förderung vom Staat. Wieso brauchen Sie das nicht?

Generell gilt für alle privaten Anbieter, dass sie – im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Programmen – keine finanzielle Förderung erhalten. Das schadet allerdings dem Miteinander dieser zwei Bestandteile des dual angelegten deutschen Rundfunksystems. Auch wir halten es unverändert für wichtig und notwendig beide Bestandteile des Systems bei der grundsätzlichen richtigen Erschließung digitaler Verbreitungswege zu unterstützen.

„Der zusätzliche Verbreitungsaufwand über DAB+ wird im Simulcast in unserem Fall nur knapp durch entsprechende Werbeerlöse abgedeckt.“

Sie werden weiterhin parallel auf UKW senden. Wäre DAB+ aber nicht eine Chance für Ihr Unternehmen, neue Spartenangebote ins Leben zu rufen, die es in Hamburg über Antenne noch nicht gibt?

Ich fürchte nicht: Der zusätzliche Verbreitungsaufwand über DAB+ wird im Simulcast in unserem Fall nur knapp durch entsprechende Werbeerlöse abgedeckt. Aber dort muss ja nicht noch Aufwand für ein neues Programm betrieben werden. Ich sehe leider weiterhin keine Chance, ein eigenständiges und in unserem Fall lokales Hörfunkprogramm wirtschaftlich über DAB+ zu betreiben.

DAB+ wird in der Radioszene heftig diskutiert wie kaum ein zweites Thema. Während Radio NRJ oder Klassik-Radio trotz guter UKW-Verbreitung in Metropolregionen die Reichweite mit DAB+ enorm erweitern könnte, lehnt das Ihr Mitgesellschafter RTL Group als nicht tragfähig ab. Woher kommen diese extrem weit auseinanderliegenden Einschätzungen?

Verständlicherweise kann ich zur Geschäftspolitik anderer Anbieter nichts sagen. Grundsätzlich muss man sicher zwischen dem städtischen und ländlichen Raum unterscheiden. Ein städtischer Raum erreicht mit geringem technischen Aufwand überdurchschnittlich viele Menschen und ist deshalb wirtschaftlich attraktiv. Ein Rosinenpicken, im Sinne einer digitalen Erschließung ausschließlich der Metropolregionen, stünde aber im fundamentalen Widerspruch zu unserer föderal organisierten Rundfunkordnung und ist aus meiner Sicht daher keine Option. Wir brauchen unverändert eine Lösung, die privaten Anbietern einen wirtschaftlichen Weg in die digitale Rundfunkverarbeitung ermöglicht.

Ganz auf UKW verzichten wollen Sie auch in der Metropolregion Hamburg nicht, Sie sprechen von einer DAB+-Verbreitung als Zusatzoption, neben einer starken UKW-Verbreitung. In anderen Metropolregionen wie Oslo wird das künftig aber möglich sein. Zeigt die UKW-Abschaltung in Norwegen nicht, dass es doch Alternativen zum teuren Simulcast gibt?

Vergleichen kann man alles, gleichsetzen sollte man wenig. Das gilt auch für Medienstrukturen, sogar innerhalb Europas. Die UKW-Abschaltung in Norwegen betrifft vor allem den nationalen öffentlich-rechtlichen Teil des dortigen Hörfunke und basiert auf einer DAB-Endgeräte-Verbreitung in Norwegen von über 50 Prozent. Die übrigens auch in Norwegen keineswegs unumstrittene Entscheidung ist da Ergebnis eines vorhergegangenen langen und teuren Simulcastbetriebs. Auf das föderal organisierte Rundfunksystem Deutschlands lässt sich das nicht sinnvoll übertragen.

„Die Digitalisierung wird natürlich nicht vor dem Hörfunk Halt machen.“

Was empfehlen Sie Ihren Kollegen von den Landesfunkhäusern? DAB+, ja oder nein?

Die Digitalisierung wird natürlich nicht vor dem Hörfunk Halt machen. Die Produktion der Programme ist bereits vollständig digitalisiert, nur die Verbreitung noch nicht – so viel wissen wir. Ob nun DAB+ oder das Internet über entsprechende mobile Empfangsmöglichkeiten sich etabliert, ist weiterhin unklar.  Weder für private noch für öffentlich-rechtliche Anbieter ist der Verbreitungsweg DAB+ aus meiner Sicht bislang durch eine entsprechend große Zahl von Nutzern, wirtschaftlich zu rechtfertigen. Nur dass dies für die öffentlich-rechtlichen Anbieter seitens der KEF durch entsprechende Zusatzbudgets berücksichtigt wurde und es für die privaten Programme weiterhin keine Lösung gibt. Wenn es eine Empfehlung gibt, dann die, weiter an einem entsprechenden ordnungspolitischen Rahmen zu arbeiten. So schwer es mir als gelerntem Ökonom fällt die zu sagen, „der Markt“ allein, wird zu keinem wirtschaftlich und medienpolitisch sinnvollen Ergebnis kommen.

Es fällt auf, dass Sie sich auch im Netz mit digitalen Zusatzangeboten wie neuen Webradios oder Sendungen auf Abruf zurück halten. Andere sehen das als Investition in die Zukunft. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Für die Radiowelt sind wir in einem vergleichsweise umfangreichen Angebot unterwegs – mit unserem „Tracklister“ bieten wir online bereits 20 eigenständige Kanäle an. Deshalb würde ich sagen, dass wir nicht zu den Zögerlichen gehören. Wenn der Maßstab vom Umfang her allerdings Apple Music, Spotify oder ähnliche Milliardenunternehmen sind, muss ich gestehen, dass wir diesen Wettlauf um Masse nicht gewinnen können. Aber wir stellen uns der Herausforderung, Schritt um Schritt ein Angebot zu entwickeln, dass unsere lokale Identität eines redaktionellen Vollprogramms mit Unterhaltung, Informationen und Personalities auf digitale Kanäle bringt. Das Geschäftsfeld der reinen Musiksammeltüte überlassen wir lieber den internationalen Multies.

„Wir stehen in einem Wettbewerbsdruck, den es in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht gab.“

Es werde keinen dritten Multiplex für Privatsender geben, hieß es jüngst von der Medienpolitik. Gleichzeitig wächst das Interesse an DAB+. Bekommen die deutschen UKW-Platzhirsche langsam kalte Füße, dass Sie den Einstieg aus dem Ausstieg von UKW verpassen könnten?

Die Wahrheit ist, dass auch die sogenannten Platzhirsche im Augenblick in jedem Bestandteil ihres Geschäftsmodells in einem Wettbewerbsdruck stehen, den es in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht gab. Ob dies produktseitig durch entsprechende Onlineangebote ist, aus dem Umbruch in regionalen und nationalen Werbemarkt resultiert oder nun auch noch der abrupte und fundamentale Wandel innerhalb der UKW-Distribution, wir sind an mehr Stellen denn je fundamentalen Herausforderungen ausgesetzt. Ehrlich gesagt ist aus meiner Sicht die Frage um DAB+ eines der geringeren Probleme.

Der NDR wird 2017 auf seinen Wellen massiv für den neuen Übertragungsweg DAB+ werben. Welche Rolle wird die Bewerbung von DAB+ auf Ihren Sendern – also auch auf UKW – spielen?

Wenn wir einen neuen Verbreitungsweg nutzen, werden wir dies natürlich auch kommunizieren. Allerdings ist uns auch klar, dass wir im Fall von DAB+ von ca. 5 Prozent unserer Hörerschaft sprechen und 95 Prozent nicht unmittelbar betroffen sind. Wenn Sie dies in einem Werbeentscheider vorlegen würden, wäre das ein unverantwortlicher Streuverlust.

Herr Bernstein, vielen Dank!

Über den Autor:

Danilo Höpfner, Vorstand von Mediascope Europe e.V. (Foto: privat)

Danilo Höpfner, Autor INFODIGITAL / INFOSAT Verlag (Foto: privat)

Danilo Höpfner gehört zum Vorstand von Mediascope Europe e.V.. Seit 1997 ist Herr Höpfner Journalist für öffentlich-rechtliche Inforadios und internationale Hörfunkstationen wie BBC, RFI und Český rozhlas, bis 2001 war er Korrespondent in Prag. Im Jahr 2005 wurde er Chefredakteur und Programmdirektor eines privaten Inforadios und seit 2010 ist er selbstständig in der crossmedialen Projekt- und Formatentwicklung. Zu den Erfolgen von Danilo Höpfner gehören mehrere Auszeichnungen für die europäische Berichterstattung in deutschen und internationalen Medien.



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