
Vom Mikrofon an die Musikspitze: Tim Gafron über seinen Traumjob
Wer entscheidet eigentlich, was im Radio läuft?
30.10.2026 Sandra Zeiscke
Ein Song läuft im Radio. Wir singen mit, drehen lauter oder schalten vielleicht weiter. Aber wer entscheidet eigentlich, welche Songs überhaupt den Weg ins Programm finden? Wer hört neue Musik, bewertet Künstlerinnen und Künstler und entscheidet mit darüber, welcher Song zum nächsten Radio-Hit werden könnte?
Einer, der darauf inzwischen eine ziemlich genaue Antwort geben kann, ist Tim Gafron. Seit vielen Jahren ist er eine feste Größe bei Radio Hamburg – zunächst als Moderator, seit August 2025 als Musikchef. Den Nachmittag am Mikrofon hat er dafür hinter sich gelassen und eine neue Rolle übernommen: weniger „on air“, dafür umso näher an der Musik.
Und weil Tim selbst sagt, dass Musikchef zu sein, sein Traumjob ist, wollten wir wissen:
Wie ist es eigentlich, wenn aus dem Traum plötzlich der Arbeitsalltag wird?
Was macht ein Musikchef eigentlich den ganzen Tag?
Ein Musikchef ist vereinfacht gesagt derjenige, der den musikalischen Kurs eines Radiosenders mitbestimmt. Welche Songs passen zum Sender? Welche neuen Titel haben Potenzial? Welche Künstler sind relevant? Was funktioniert bei der Zielgruppe? Und wie bleibt das Programm gleichzeitig aktuell und unverwechselbar?
Dazu kommen Dinge wie:
neue Musik und Neuerscheinungen bewerten
Songs und Künstler beobachten
Trends erkennen
Musiktests bzw. Hörerreaktionen berücksichtigen
mit Plattenfirmen, Labels und Künstlerteams arbeiten
die musikalische Ausrichtung des Senders weiterentwickeln
überlegen, welcher Song wann und wie oft im Programm funktioniert
gemeinsam mit anderen Verantwortlichen die Playlist bzw. das Musikprogramm gestalten
Aber wer könnte besser erzählen, was ein Musikchef eigentlich macht, als Tim selbst? Ich habe ihn zum Interview gebeten und wollte vor allem eines wissen: Wie fühlt es sich an, wenn aus einem Traumjob plötzlich Alltag wird?

Das Interview
Der neue Job
Tim, Du hast viele Jahre am Nachmittag moderiert und bist seit August 2025 Musikchef bei Radio Hamburg. Was hat sich für Dich im Arbeitsalltag am meisten verändert?
Ich kann Homeoffice machen! ☺
Außerdem sind meine Arbeitszeiten flexibler. Ich fange nun oft schon früh morgens an und kann dafür etwas eher Schluss machen. Bei der Nachmittagssendung konnte ich nicht sagen: „Heute komme ich eher, aber gehe dafür früher“.
Wenn Du jemandem in einem Satz erklären müsstest, was ein Musikchef macht – was würdest Du sagen?
Ich bin verantwortlich für die Mega-Hits die bei Radio Hamburg gespielt werden.
Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei Dir inzwischen aus? Gibt es überhaupt so etwas wie einen „normalen“ Tag?
Besonders liebe ich die Tage, an denen die Testergebnisse unserer Musiktests kommen. Immer wieder bin ich aufs Neue darauf gespannt, welche Titel unsere Hörer lieben und welche eher nicht. Überraschende Interviewanfragen sind auch immer schön, oder wenn gute neue Titel erscheinen, mit denen man nicht gerechnet hat. (Es gibt auch Wochen, in denen nicht so schöne Musik rauskommt. Haha ☺)
Die Musikentscheidung
Was muss ein Song haben, damit Du sagst: „Den müssen wir spielen“?
Das Wichtigste: Der Titel muss in die Musik DNA von Radio Hamburg passen.
Kann man einen Hit eigentlich objektiv erkennen – oder ist am Ende auch ganz viel Bauchgefühl dabei?
Es ist schon sehr viel Bauchgefühl. Und man muss auch für sich lernen, diesem Gefühl zu vertrauen.
Ein Beispiel:
Als Tiffany Aris „Breathe“ veröffentlich hat, war mein Grundgedanke DEN Titel müssen wir spielen, der schreit nach Radio Hamburg. Innerhalb der Redaktion gab es auch Meinungsverschiedenheiten dazu, aber am Ende habe ich gesagt, lasst es uns probieren, ich glaube dran - schlussendlich war der Titel über Monate erfolgreich im Programm von Radio Hamburg zu hören.
Wie wichtig sind dabei Trends auf TikTok, Instagram oder Spotify? Können Social-Media-Hits heute überhaupt noch am Radio vorbeigehen?
Teilweise kann man da schon Trends erkennen, vor allem für junge Menschen. Aber zu hohen Stellenwert würde ich nicht immer darauflegen. Es ist schon ein Unterschied, ob ich einen Titel 10 Sekunden auf TikTok höre, oder 3 Minuten im Radio.
Gibt es Songs, die Du persönlich liebst, aber trotzdem nicht ins Radio nehmen würdest? Und umgekehrt?
Auf jeden Fall! Es ist aber ein Unterschied, ob ich einen meiner privaten Lieblingstitel laut zu Hause über Kopfhörer höre, oder einen Titel nebenbei im Radio. Im Job höre ich Musik für die Hörer, nicht für mich privat. Wir wollen möglichst viele Hörer mit unserer Musikauswahl glücklich machen, nicht mich. ☺
Vom Moderator zum Musikchef
Du warst viele Jahre selbst täglich am Mikrofon. Was vermisst Du aus deiner Zeit als Nachmittagsmoderator?
Den direkten Kontakt zu den Hörern vermisse ich tatsächlich manchmal und das Tanzen zu lauter Musik im Studio.
Aber da ich nebenher noch die Radio Hamburg Morningshow – und den Nachmittag vertrete, habe ich noch immer hier und da eine Dosis On Air Feeling.
Und was vermisst Du überhaupt nicht?
Die festen Arbeitszeiten. In einer Sendung ist man immer etwas ans Studio gefesselt. Während der Show kommst du da nicht raus. Jetzt die Freiheit zu haben, sich die Zeiten selber etwas einteilen zu können, finde ich fantastisch und kannte ich vorher ja nie so.
Du hast deinen neuen Job selbst als Traumjob bezeichnet. Ist er wirklich so, wie Du ihn dir vorgestellt hast?
Sogar noch besser!
Gab es einen Moment, in dem Du dachtest: „Okay, genau deshalb wollte ich diesen Job“?
Wenn ich an bestimmte Titel oder Künstler glaube und die Hörer es am Ende genauso sehen und Wertschätzen, dann macht mich das tatsächlich glücklich. Ich hatte schon Momente am Schreibtisch nach Überstunden wo ich gedacht habe, diese Woche war wirklich viel zu tun, aber es bringt so einen Spaß!
Zum Schluss etwas persönlicher
Wenn Du Deinem jüngeren Ich am ersten Tag bei Radio Hamburg einen Satz sagen könntest – welcher wäre es?
3 Dinge, die man über den Job als Musikchef wahrscheinlich nicht erwartet
01 – Musik hören ist Arbeit.
Ein Musikchef hört neue Songs nicht nur aus Spaß, sondern mit einem ganz anderen Ohr.
02 – Ein Hit ist nicht automatisch ein Radiosong.
Nur weil ein Lied erfolgreich ist, heißt das nicht automatisch, dass es zur musikalischen Ausrichtung eines Senders passt.
03 – Bauchgefühl gehört dazu.
Daten, Trends und Hörerreaktionen helfen bei der Entscheidung – aber am Ende braucht es Menschen, die Musik einschätzen und ein Gefühl dafür entwickeln.
Wenn Erfahrung auf Leidenschaft trifft
Für die meisten von uns beginnt ein Radiosong mit einem Klick auf „Play“ – für Tim Gafron beginnt er schon deutlich früher. Hinter einer Playlist steckt weit mehr als die Frage, welcher Song gerade gut klingt. Es geht um Trends, Bauchgefühl, Hörerinnen und Hörer und die ständige Suche nach dem nächsten Song, den plötzlich alle mitsingen.
Nach vielen Jahren am Mikrofon hat Tim die Perspektive gewechselt. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum er heute besonders gut weiß, was Radio braucht: Er kennt beide Seiten – die Musik und die Menschen, die sie hören.
Vom Mikrofon an die Musikspitze – für Tim scheint der Traumjob tatsächlich genau dort zu liegen, wo Musik, Radio und Bauchgefühl zusammenkommen.
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